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16.08.2009, Grusswort von Olaf Scholz, MdDB zur Jahresversammlung der AMJ

Grußwort von Olaf Scholz, Bundesminister, Mitglied des Deutschen Bundestages
Anlässlich der Jahresversammlung der Ahmadiyya Muslim Jamaat

Die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde hat schon früh in ihrer Geschichte auch einen festen Platz in Deutschland gefunden: im Berlin der Zwanzigerjahre und nach dem Krieg dann zunächst in meiner Heimatstadt Hamburg. Viele Gemeindemitglieder haben in der Bundesrepublik Zuflucht vor Verfolgung und Ausgrenzung gefunden. Wir teilen die Überzeugung, dass die Wahrung der Menschenwürde zu jeder Zeit Richtschnur allen Handelns sein muss. Wir bekennen uns gemeinsam zum Schutz von Minderheiten wie zum allgemeinen Gleichheitsgrundsatz. Zur 60-Jahr-Feier der Bundesrepublik hat die Ahmadiyya-Gemeinde dies noch einmal bekräftigt und sich bei der neuen Heimat für ein Leben in Freiheit und Sicherheit bedankt. Dieser Dank ist vor allem eine Auszeichnung, der auch ein wenig Stolz macht.

Indem Sie den Islam als Religion der Toleranz und des Friedens vorleben, helfen Sie, Vorurteile abzubauen. Sie tragen entscheidend zu einem guten Miteinander in unserem Land bei. Integration braucht Vorbilder. Die Vertreter der Ahmadiyya- Gemeinde sind solche Vorbilder. Das ist ein großes Verdienst. Nicht nur die Freiheit, auch Wohlstand und soziale Sicherheit in unserem Land gründen auf dem Einsatz und dem Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Die Beschäftigten in Deutschland sind unser entscheidender Standortvorteil. Dabei wird die Vielfalt unterschiedlicher Talente, Erfahrungen und Kulturen in einer immer enger vernetzten Welt zunehmend wichtiger. In einem Land, das wie kein anderes vom Handel mit anderen abhängig ist, gibt sie uns eine Chance, die wir nutzen sollten.

Integration geht uns – nicht nur deswegen – alle an. Schon heute haben 30 Prozent der Unter-25-Jährigen in Deutschland einen Migrationshintergrund. In einigen Großstädten machen junge Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund schon mehr als die Hälfte ihrer Altersgruppe aus. Wenn wir eine gute Zukunft für alle wollen, können wir es uns nicht leisten, auch nur auf eines dieser Talente zu verzichten. Integrationspolitik ist alles andere als Minderheitenpolitik. Es geht um gleiche Chancen: auf dem Bildungsweg, im Arbeitsleben und in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Dafür braucht es zweierlei: Erstens müssen wir uns jeden Tag um wechselseitigen Respekt bemühen. Für beide Seiten gilt: Wir müssen uns anstrengen, auf der einen Seite unsere eigenen Überzeugungen und kulturellen Verhaltensweisen zu erklären und auf der anderen Seite mit dem gleichen Engagement das Denken und Handeln des Anderen zu erkunden und zu verstehen.

Zweitens müssen wir die tatsächlichen Voraussetzungen schaffen, damit jede und jeder seine Talente und Fähigkeiten entwickeln kann. Wir wollen gute Bildung von Anfang an und – wo immer es nötig wird – auch eine Kultur der zweiten Chance. Wer sich anstrengt, muss zu jeder Zeit die Aussicht haben, sein Leben zu verbessern. Jeder braucht zunächst einen soliden Startblock, um ins Berufsleben zu kommen. Es geht nicht an, dass jedes Jahr mehr als 60.000 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Jeder mit Anfang zwanzig sollte entweder eine Berufsausbildung oder das Abitur in der Tasche haben. Das muss unser Ziel sein. Darunter geht es nicht. Zu einer Kultur der zweiten Chance gehört zum Beispiel auch, dass wir die Situation von so genannten Geduldeten endlich verbessert haben. Es war überfällig, ihnen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu geben und für die Jüngeren unter ihnen den Weg in die Berufsausbildung frei zu machen. Sie haben wie jeder andere ein Recht auf Bildung.

Es gehört auch dazu, dass wir endlich das Recht auf ein Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse schaffen, das Schluss macht mit dem undurchschaubaren Dschungel von Zuständigkeiten, Verfahren und schlichten Lücken im System.

Es gehört aber genauso dazu, dass sich in Unternehmen und Verbänden die Einsicht durchsetzt, dass kulturelle Vielfalt auch wirtschaftlichen Erfolg bringt. Wer Vielfalt als Vorteil nutzen will, muss sie weiter fördern. Ich werde mich weiter mit ganzer Kraft einsetzen, das voranzubringen. Es wird aber nur gemeinsam mit starken Partnern in der Gesellschaft gelingen. Ich bin froh, dass wir in der Ahmadiyya-Gemeinde einen solchen Partner haben, der mit uns für Toleranz, einen kontinuierlichen Dialog und gegenseitiges Verständnis streitet. Sie repräsentieren eine wichtige Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern in unserem Land. Sie sind damit einer der vielen Bausteine, die das Gerüst unseres Sozialstaats tragen.

Für Ihre diesjährige Jahresversammlung wünsche ich Ihnen gutes Gelingen.

Olaf Scholz,
Bundesminister
Mitglied des Deutschen Bundestages

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