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Stellungnahme zu dem Sternartikel "Das unterdrückte Geschlecht - Frauen im Islam" vom 08.07.2010

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn eine so große Publikumszeitschrift wie der „Stern“ als Titelthema „Frauen im Islam“ wählt, dann erwartet der muslimische Leser nicht unbedingt eine Lobeshymne auf das, was der Heilige Prophet Muhammad, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, im Namen Allahs lehrte und vorlebte. Zu viele Missverständnisse, umgeben heutzutage nämlich, in der islamischen wie der nicht-islamischen Welt, das, was Allah durch den Heiligen Koran über die muslimische Frau offenbarte; und die vielen Interpretationen, die diese Verse des Korans erfuhren und erfahren, machen es zumal dem Nicht-Muslim schwer, ihren Wahrheitsgehalt herauszufinden und die in ihnen liegende Weisheit zu verstehen.

Indes sind wir bestürzt über die Tendenz, die in dem Artikel zum Vorschein kommt, wenn wir auch anerkennen, dass das Autorengespann sich bemüht hat, verschiedene Vorstellungen von der Rolle der muslimischen Frau zu Tage treten zu lassen.

Aber was ist die Aussage, dass Musliminnen mit dem Koran gegen ein Verständnis vom Islam argumentieren, das als unterdrückend und benachteiligend empfunden wird, wenn dies mehr oder weniger theoretisch bleibt und die Leser somit rätseln müssen, um welche Werte und Rechte und Pflichten der Frau es eigentlich geht? Zudem wird mit keiner Silbe thematisiert, welchen Sinn in ihrem Leben eine Muslima laut Koran anstreben sollte, worin sie wahrhaftige Glückseligkeit finden kann und worin sie sich als Frau von einem muslimischen Mann unterscheidet. Zu letzterem bekommen wir jedoch zumindest ein Negativbeispiel vorgesetzt: den Teil eines Koran-Verses (Sure 4:34) in einer äußerst fragwürdigen Übersetzung, der den Eindruck hervorrufen soll, dass Männer an sich einen höheren Rang in den Augen Allahs genießen.

Laut „Stern“ lautet der Teil des Verses (eine Quelle, welcher Übersetzung er entnommen wurde, ist nicht angegeben): „Die Männer stehen über den Frauen, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat“. In der genaueren Übersetzung, die im Verlag Der Islam erschienen ist, heißt dieser Satz: „Die Männer sind die Verantwortlichen über die Frauen, weil Allah die einen vor den andern ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben.“

Das macht natürlich mehr Sinn, wenn auch gefragt werden muss, was damit gemeint ist, dass „Allah die einen vor den andern ausgezeichnet hat“. So aus dem Zusammenhang des gesamten Koran-Textes gerissen, wie es der „Stern“ tut, wird die hinlänglich verbreitete, falsche Vorstellung bekräftigt, der Islam kenne keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Tatsächlich aber gibt es etliche Verse, die eindeutig belegen, dass Frau und Mann, Mann und Frau gleichwertig sind. Kein Mann ist dadurch besser als eine Frau, dass er ein Mann ist, und keine Frau ist besser als ein Mann, weil sie eine Frau ist. Dies sagt der Vers 188 der Sure 2, in dem es heißt: „Sie sind euch ein Gewand und ihr seid ihnen ein Gewand“. Ein Gewand schützt vor Kälte oder Hitze, schmückt und verschönert, ist hilfreich und eine Erleichterung. Mit diesem Gleichnis erklärt Allah die grundlegende Beziehung zwischen Mann und Frau. Es ist nicht die Rede davon, dass einem der beiden mehr Rechte zustünden als dem anderen, oder einer der beiden mehr wert sei als der andere. In ähnlicher Weise finden wir Aussagen über die vollkommene Gleichwertigkeit von Mann und Frau in 3:196; 4:33; 4:125; 16:98; 33:36; 40:41.

Dass wir betont von „Gleichwertigkeit“ sprechen und nicht das Wort „Gleichberechtigung“ verwenden, hat einen Grund darin, dass Frauen bisweilen andere, besondere Rechte als dem Mann zustehen. So muss sie während der Zeitspanne der Schwangerschaft, beispielsweise, bevorzugt behandelt werden und ihr stehen mehr Rechte zu als dem Mann. Hinsichtlich grundlegender Rechte (Recht auf Eigentum, Wahl des Ehepartners, Scheidung etc.) gibt es keinen Unterschied zwischen Frauenrechten und Männerrechten. Aber dies weiter auszuführen und im Einzelnen zu belegen, ist in diesem „Offenen Brief“ nicht der Ort.

Uns geht es zunächst darum, deutlich zu machen, dass mit dem plakativ neben ein zweiseitiges Foto gesetzten Zitat ein Bild von der Frau im Islam vermittelt wird, das sie als dem Manne untergeordnet erscheinen lässt. Und zwar deswegen, weil die Übersetzung unzuverlässig ist und weil der Vers nicht in Übereinstimmung mit anderen Aussagen des Korans über das Verhältnis von Frauen und Männern, ihre Rechte und Pflichten, dargelegt wird. Hätten diejenigen, die dafür verantwortlich sind, einmal Koran-Kommentare zu Rate gezogen und zudem Muslimische Theologen befragt, dann hätten sie wahrscheinlich zur Kenntnis genommen, dass das, womit Allah die einen vor den andern ausgezeichnet hat, sich auf die Kondition, den Körperbau bezieht. Dass Männer in dieser Hinsicht sich von Frauen unterscheiden, steht außer Frage, wie allgemein anerkannt wird durch beispielsweise die Tatsache, dass bei sportlichen Disziplinen Männer nicht gegen Frauen kämpfen und umgekehrt. Nicht die Rede ist in diesem Vers also von geistiger Überlegenheit des Mannes über die Frau, nein, in den vorhin angeführten Koran-Versen wird ja sehr deutlich, dass Frauen und Männergeistig gleichwertig sind.

Der Begründer der islamischen Reformgemeinde „Ahmadiyya Muslim Jamaat“ erhielt dazu vor etwa 100 Jahren eine Offenbarung von Allah, die in deutscher Übersetzung lautet: „Eure Frauen sind nicht eure Dienerinnen, sondern eure Gefährtinnen“.

Wäre dies der Tenor des „Stern“-Artikels und würde er dies durch die zahlreichen vorhandenen Beispiele über im Geistes- und Geschäftsleben herausragende Musliminnen illustrieren, würden dem Leser die Schönheit der islamischen Lehre offenbar. Und jene völlig unislamischen Praktiken und Verhaltensweisen durch die Praxis demaskiert, die der „Stern“ in diesem Artikel in Hülle und Fülle präsentiert.

Aber weder wird der Heilige Prophet Muhammad, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, mit einigen seiner sehr bekannten Worte zitiert, die die Würde und Rechte der Frauen hervorheben, noch gar der Versuch unternommen, die Philosophie des Islams bezüglich des Verhältnisses der beiden Geschlechter zueinander kompetent zu analysieren.

Hat der Heilige Prophet denn nicht beispielsweise gesagt: „Derjenige (unter den muslimischen Männern) ist der beste von euch, der seine Frau am besten behandelt? Hatte er nicht gesagt: „Das Paradies liegt unter den Füssen der (rechtschaffenen) Mutter“? Hatte er die Frau nicht mit „Glas“ verglichen, mit dem man äußerst behutsam umgehen muss, damit es nicht zerbricht? Derlei Hadith (Überlieferungen der Worte des Heiligen Propheten), und von ihnen gibt es viele, sind allenthalben wohlbekannt.

Wenn sich Menschen verschiedener Kulturen, die sich Muslime nennen, nicht daran halten, ist das nicht dem Koran oder dem Islam anzulasten. Aufklärung aber über das, was der Koran und der Islam tatsächlich lehren, wäre vonnöten gewesen. Wem unter den deutschsprachigen Lesern dient die Ausbreitung von Horrorszenarien? Derlei Beispiele lassen sich, was andere Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen betrifft, vielerorts finden. Wir meinen damit nicht, dass Missstände nicht zur Sprache gebracht werden sollten oder gar Kritik an solchen unhaltbaren Zuständen unserer Meinung nach unerwünscht oder verboten sei. Wir möchten nur die Verhältnismäßigkeit zur Sprache bringen, in denen in dem Artikel „Frauen im Islam“ unislamische Praktiken gegeißelt werden, als seien sie im Koran oder der Sunna (Lebenspraxis des Heiligen Propheten) verankert, während andererseits die leuchtenden, vorbildlichen Lebensweisen von muslimischen Frauen und Männern kaum geschildert werden.

Kein Wunder also, wenn jene Koran-Verse nicht erwähnt werden, in denen die muslimischen Männer ermahnt werden, mit ihren Frauen zärtlich und liebevoll umzugehen und ihnen alle ihnen zustehenden Rechte zu gewähren; und wenn stattdessen der in islamischen Kreisen vielfältig und sehr unterschiedlich interpretierte Vers 34 der Sure 4, in dem von einer Bestrafung der Frau die Rede ist, fast kommentarlos erwähnt wird, so als sei es eben von Allah grausam und ungerecht so gefügt, dass er im Sinne von „Schläge verabreichen“ verstanden werden müsste, was ein Islamgläubiger duldsam hinzunehmen habe. Anbetrachts der Auseinandersetzungen, die es hierzulande um diesen Vers bereits in der Öffentlichkeit gegeben hat, wird dadurch nicht gerade ein Verständnis des Islams gefördert, hingegen Abneigung und Angst vor ihm gestärkt.

Der Heilige Prophet Muhammad, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, hatte dazu gesagt (und Hazrat Ayscha, seine Gattin, möge Allah an ihr Gefallen haben, hat es überliefert; in der Hadith-Sammlung Ibn Majah ist es zu finden): „Ich schlage niemals eine Frau oder ein Kind“. Und der Begründer der Ahmadiyya Muslim Reformgemeinde, Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, der beanspruchte, der prophezeite Mahdi und Messias des Islam zu sein, Frieden sei auf ihm, sagte dazu: „Ich kann mir die Schamlosigkeit und Feigheit eines Mannes, der seine Frau schlägt, noch nicht einmal vorstellen.“

So nehmen wir also in diesem Artikel nicht wahr, dass er Sorge trüge, Brücken zu bauen und aufzuklären darüber, was der Islam hinsichtlich des Verhältnisses von Mann und Frau, insbesondere aber zur Natur der Frau und ihrer Rolle in Familie und Gesellschaft lehrt. Weder werden das islamische System der Pardah (Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit), noch die koranischen Gebote der Bekleidung (z.B. Haarbedeckung) erläutert; weder werden die koranischen Heirats-, noch seine Scheidungsregeln für Frau und Mann erörtert. Weder wird der Heilige Prophet mit seiner Aufforderung zitiert, den Mädchen eine gute Bildung zu teil werden zu lassen, noch jene seiner Worte ins richtige Licht gerückt, die als angeblich frauenfeindlich kursieren.

Mag manch ein Leser auch nach der Lektüre des Artikels denken, dass gewisse Männer an der Misere von so vielen Frauen in der islamischen Welt schuld sind, nicht aber der Koran oder der Heilige Prophet, wenn doch aufgeklärte Musliminnen mit dem Koran und dem Beispiel des Heiligen Propheten gegen finstere Auswüchse in ihren Breitengraden zu Felde ziehen, so bleibt alles in allem doch der schlechte Nachgeschmack, dass ihre Religion nun wahrlich nichts ist für unser Land und wir hier ihnen um Jahrhunderte voraus sind. Nichts aber ist fataler als das. Den Islam als unserer Zeit nicht angemessen darzustellen beweist nur das völlige Fehlen eines Verständnisses für seine Schönheit, für die Würde seines Konzeptes für individuelles und gesellschaftliches Leben, und vor allem für jene moralischen und spirituellen Höhen, die zu erklimmen er ja herab gesandt worden war. Sie aufzuzeigen hätte dem Verhältnis zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen in unserem Lande gut getan. Ohne sie zumindest zu berücksichtigen, wenn nicht gar in den Vordergrund zu stellen, tut man dem Islam Unrecht.

Allah aber sagt im Heiligen Koran Sure 49 Vers 14: „O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet. Wahrlich, der Angesehenste von euch ist vor Allah der, der unter euch der Gerechteste ist. Siehe, Allah ist allwissend, allkundig.“

In der Hoffnung, von Ihnen dazu hören zu dürfen, mit freundlichen Grüßen,

Abdullah Uwe Wagishauser

Vorsitzender und Amir
Der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland e.V.